Erleidet Facebook ein Nokia-Schicksal?

by Albert Gerlach 6. August 2010 23:46

Es war einmal ein finnisches Unternehmen, dass  den Mobiltelefonmarkt unangefochten dominierte.Der Mitbewerb rangierte irgendwo unter „ferner liefen“, und die meisten Konkurrenten schrieben noch dazu rote Zahlen. Völlig unvorstellbar schien es damals, dass sich an dieser Marktdominanz jemals etwas ändern sollte.

Im Jahr 2010 sieht die Welt ganz anders aus. Nokia ist nach wie vor Marktführer, muss aber Quartal für Quartal Rückgänge bei den Marktanteilen zugeben. In der Bugwelle des iPhones von Apple ziehen die neuen und nicht mehr ganz neuen Smartphone-Anbieter am finnischen Riesen vorbei. Wie dereinst die urzeitlichen Riesenechsen sieht sich auch der T-Rex aus dem Norden mit vergleichbaren Herausforderungen konfrontiert. Vor allem der Mangel an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit macht zu schaffen. Nach wie vor verlässt man sich aus Mangel an rechtzeitig entwickelten Alternativen auf das Betriebssystem-Fossil „Symbian“, das im Vergleich zu iPhone und Android unter „Jurrasic-OS“ abgelegt werden kann.  Neuentwicklungen sind in Arbeit, aber noch lange nicht fertig. Die hausinterne Antwort auf den Smartphone-Boom namens N 97 enttäuschte.

Und was hat das alles mit Facebook zu tun?

Vorläufig noch nicht viel. 500 Millionen Profile umfasst die Plattform inzwischen. Wie viele tatsächlich aktive Benutzer sich da versammelt haben, bleibt unklar. Die Szene wimmelt von „Social Media Experten“, die eine zwei - bis dreistellige Anzahl an Fakeaccounts eingerichtet haben, um ihren Kunden schnellstmöglich Erfolge bei der Gewinnung von „Friends“ vorzugaukeln. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die sich wieder zurückgezogen und verwaiste Accounts zurückgelassen haben. Und einige begingen sogar virtuellen Selbstmord mittels Services wie der Web 2.0 Suicide-Machine.

Bis jetzt ist Facebook eine Erfolgsgeschichte. Es stellt sich nur die Frage, wie lange noch. Das Innovationspotential hat sich in letzter Zeit auf die Änderung der Benutzeroberfläche, die Einführung von Freundeslisten und die Umbenennung von Buttons und Funktionen beschränkt. Die Hoffnung auf eine neue weltweite Micropayment-Währung, als die sich die Facebook-Dollars auch über die Grenzen des Portals hätten etablieren sollen, wurde bislang nicht erfüllt. Nach wie vor dienen sie hauptsächlich dem Erwerb von virtuellen Traktoren für virtuelle Bauernhöfe.

Auch rund um das Thema „Privacy“ hat sich das Unternehmen nicht mit Ruhm besudelt. Mark Zuckerbergs zweifelhafte Aussagen darüber, dass Privatsphäre ja sowieso überholt und irgendwie altmodisch sei in Kombination mit den neuen „Privacy“-Funktionen haben große Skepsis und Widerstand  hervorgerufen.

Google Me

Ende Juni tauchten erste Gerüchte auf, dass Google einen „Facebook-Killer“ namens Google Me konzipiere. Offizielle Bestätigungen folgten keine, aber für gewöhnlich gut informierte Quellen bestätigten entsprechende Aktivitäten. Dabei kann es sich zwar immer noch ausschließlich um heiße Luft handeln, grundsätzlich spricht aber einiges dafür. Google hat mit Orkut schon seit Jahren eine eigene Social Network Plattform am Markt. Der globale Erfolg blieb aus, in Brasilien und Indien ist Orkut aber ein Major Player und versammelt derzeit ca. 100 Millionen aktive User. Im globalen Ranking von Alexa.com liegt die Plattform derzeit auf Platz 74.

Den nächsten Schritt setzte Google im Februar 2010 mit der GMail-Erweiterung „Buzz“. Plötzlich hatte jeder Nutzer des Google Onlinemail-Dienstes neue Funktionen zur Verfügung, die bislang nur Social Networks boten: Freundeslisten, Statusmeldungen, Kommentarmöglichkeiten, direkte Darstellung von Bildern und Videos. Damit war der erste Schritt zum sozialen Google-Netzwerk zumindest für die geschätzten 170 Millionen Benutzer des Maildienstes getan.

Es liegt nahe, dass Google diesen Weg weiter gehen wird. Der Aufwand ist überschaubar und aus den Herausforderungen von Facebook konnten Schlüsse für die nächste Social Network Generation gezogen werden. Facebook zog dereinst ebenfalls mit technischer Überlegenheit und zeitgemäßen Funktionen an MySpace vorbei. Warum sollte Google, basierend auf den nahezu grenzenlosen Resourcen des Unternehmens, nicht einen neuen sozialen Boliden vom Start lassen?

Conclusio

Für die breite Masse macht dies aber genau so wenig Unterschied wie für professionelle Marketer und Kommunikatoren. 500 Millionen haben inzwischen die Vorteile von Facebook kennengelernt, hunderte Millionen tummeln sich auf vergleichbaren Plattformen.  Sie werden auch in Zukunft nicht wieder auf E-Mails zurückfallen, um ihre Freundeskreise und Netzwerke aufzubauen und zu „verwalten“. Die sozialen Netze werden nicht verschwinden, man muss nur rechtzeitig dabei sein, wenn die Karawane weiter zieht.

PS.

Vielleicht kommt ja alles auch ganz anders? In New York haben sich vier Nerds zusammengefunden um, laut Eigendefinition, „The privacy aware, personally controlled, do-it-all, open source social network“ ins Leben zu rufen. Ein Social Network, das vollkommen unabhängig von kommerziellen Interessen alleine in den Händen der Teilnehmer liegt und auf den Projektnamen „Diaspora“ hört. Nähere Infos dazu findet man, wie überraschend, auf Facebook: http://www.facebook.com/pages/Join-Diaspora/118635234836351

Illustration: Conexioncentral.com

 

 

 

 

Ist Google nach Piratebay der nächste Kandidat für eine Klage wegen Anstiftung zu Straftaten?

by Albert Gerlach 5. Juni 2009 22:22

Im April dieses Jahres wurden vier Personen aus dem Umfeld der Torrent-Suchseite The Pirate Bay in Schweden wegen Beihilfe zu schweren Urheberrechtsverletzungen zu Haft und Schadenersatz verurteilt. Bislang in erster Instanz, ein finales Urteil wird wohl erst die letztmögliche Instanz in einigen Jahren fällen.

Begründet wurde das Urteil folgendermaßen: Mit dem Betrieb des Torrent-Trackers hätten die vier die Verstöße Dritter gefördert. Durch die Website mit "gut entwickelten Suchfunktionen" hätten die Angeklagten zu den "von Filesharern begangenen Straftaten angestiftet". Die Haftstrafe gab es wegen der Größenordnung der Verstöße und der Ansicht des Gerichts, The Pirate Bay sei wohlorganisiert und kommerziell orientiert.

Wenn gut entwickelte Suchfunktionen auf einer wohlorganisierten und kommerziell orientierten Website Grund für eine Verurteilung sind, trifft das dann nicht auch auf Google in noch viel größerem Masse zu?

Würde sich Google nur auf die Suche in Websites beschränken, könnte man wohl darüber hinweg sehen, wenn gelegentlich doch ein Link auf urheberechtlich geschützte Daten unter den Suchergebnissen auftaucht. Tatsächlich bietet Google aber Suchfunktionen an, die mit wenigen Klicks Zugriff auf nahezu alle urheberrechtlich geschützten Dateien zulassen, die sich öffentlich zugänglich im Internet finden und downloaden lassen.

Google – Alle BitTorrent Downloads auf einen Klick

 

Wer über die Vermittlung von Piratebay Daten herunterladen möchte, muss auch auf Piratebay danach suchen. Oder auf einer der anderen vergleichbaren Torrent-Seiten wie mininova.org oder torrentportal.com. Ein zeitaufwändiges Unterfangen, denn nach etwas exotischeren Dingen als dem neuen Eminem-Album muss man zahlreiche Seiten durchwühlen.

Wäre doch schön, wenn es eine Suchmaschine gäbe, die automatisch in allen relevanten Torrent-Verzeihnissen sucht?

Das scheint sich auch irgendjemand bei Google gedacht zu haben und hat das Feature prompt eingebaut. Wer seinen Google Suchbegriff um filetype:torrent ergänzt, wird von Google mit einer Liste an direkten Links zum gewünschten Torrent belohnt. Sollten wider Erwarten angesichts der Fülle an Gratisdownloads in letzter Minute doch noch Skrupel auftauchen, kann man ja auch der eindeutig „kommerziell orientierten“ Google-Anzeige zu Amazon folgen und den Tonträger ganz legal erwerben. Nur Amazon alleine weiß, ob davon schon jemals jemand Gebrauch gemacht hat.

Die Filehoster Suchmaschine von Google

Bereits seit einigen Jahren machen sich sog.  Filehoster bei  den Herstellern urheberrechtlich geschützter Werke überaus unbeliebt.

Als Filehoster oder One-Click-Hoster werden Unternehmen bezeichnet, bei denen der Anwender Dateien unmittelbar und ohne vorherige Anmeldeprozedur auf einem Server des Unternehmens speichern kann.

Der Upload geschieht über die Webseite des Anbieters. So wird außer einem Browser meist kein zusätzliches Programm zur Übertragung benötigt. Nach dem Upload erhält der Anwender eine URL unter der die Datei angezeigt bzw. heruntergeladen werden kann. Runterladen kann jeder, der die URL der Datei kennt.

Die Dienste von Filehostern lassen sich z.B. sinnvoll einsetzen, um Backups zu speichern oder große Datenmengen, die sich über E-Mail nichtmehr sinnvoll übertragen lassen, schnell und einfach anderen Personen zum Download zur Verfügung zu stellen. Sofern die lokale Gesetzeslage dies erlaubt, ist es auch, absolut legal, Kopien von persönlich erworbenen Datenträgern mit urheberechtlich geschützten Inhalten als persönliche Sicherungskopie auf einem Filehoster-Server zu speichern. Verboten ist es jedoch, urheberrechtlich geschütztes Material öffentlich zugänglich zu machen.

Das Geschäftsmodell der Filehoster sieht grundsätzlich eine kostenlose Nutzung vor, allerdings fallen ab einer gewissen Größe der Upload-Dateien Kosten an. Der Download ist ebenso kostenlos, allerdings beschränkt auf eine gewisse Datenmenge und Downloadgeschwindigkeit. Wer mehr und schneller downloaden möchte, muss ebenfalls zahlen.

Internationaler Platzhirsch unter den Filehostern ist Rapidshare.com mit Sitz in der Schweiz. Im internationalen Ranking von alexa.com belegt Rapidshare derzeit Platz 17 und wird weltweit somit öfters besucht als z.B. eBay.com, amazon.com oder flickr.com. In Österreich und Deutschland befindet sich Rapidshare derzeit auf Platz 36, in Ägypten auf Platz 7, in der Türkei auf Platz 10 und in Griechenland auf Platz 11. Im Fahrwasser von Rapidshare sind international inzwischen eine große Menge vergleichbarer Unternehmen entstanden.

Tatsächlich ist der Zugriff auf urheberrechtlich geschützte Dateien über Filehoster wesentlich komfortabler als über das BitTorrent-Netzwerk.  Die Downloadgeschwindigkeiten sind auch für Gratisuser meist wesentlich höher als über BitTorrent. Der User greift auf eine Datei zu und muss nicht darauf hoffen, dass möglichst viele User gleichzeitig Zugriff auf dieses File auf ihrer Festplatte erlauben.

RapidShare war in den letzten Jahren immer wieder Ziel von Klagen und musste z.B. in Deutschland mehrere Urteile hinnehmen, in denen das Unternehmen zu einer praktisch fast unmöglichen Überprüfung der hochgeladenen Inhalte auf Urheberrechtsverletzungen verpflichtet wurde.

Auch einzelne User, die z.B. sämtliche Nummern der Deutschen Top 100 Musikcharts hochgeladen und die Download-URLs in Foren publiziert hatten, wurden ausgeforscht und angezeigt. Mit Recht, denn in Deutschland  ist es ja verboten, urheberrechtlich geschütztes Material öffentlich zugänglich zu machen.

Womit wir wieder bei Google angekommen wären. Unter der URL http://www.google.de/coop/cse?cx=003067875025321206147%3Aub0fve5zzou stellt Google eine Filehoster Search Engine zur Verfügung  und bietet diese sogar zur Integration in Blogs oder Websites an.  Die Suchmaschine durchsucht nach eigenen Angaben 86 Websites. Die Suche nach dem aktuellen Eminem-Album bringt  43 direkte Links auf die Datei bei diversen Filehostern. Einige der hier gefundenen Dateien stammen wohl auch von Personen, die absolut legal Sicherungskopien ihrer CD abgelegt haben und niemals an eine rechtswidrige Verbreitung gedacht haben.

Ob gegen Google jemals die selben rechtlichen Schritte wie gegen die schwedischen Piraten eingeleitet werden, ist fraglich. Selbst wenn sich tatsächlich strafrechtlich relevante Tatbestände herausstellen sollten (natürlich gilt hier für Google die Unschuldsvermutung ), ist ein Angriff auf den internationalen Giganten wohl wesentlich komplexer als auf die skandinavische Maus, die brüllte. Size does still matter.

 

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Albert Gerlach
Urgestein im digitalen Medienbusiness und Geschäftsführer von [kju:] Digitale Medien.

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